Probetext

Das Seminar “Das ganzheitliche Weltbild vereint Naturwissenschaft und Spiritualität” geht vom naturwissenschaftlichen Weltbild aus, zeigt dessen Grenzen und Einseitigkeit auf und leitet hinüber in die geistige Welt. Beide bilden eine bruchlose Einheit. Das wird in großen, klaren Linien entwickelt und bis hin zur Gestaltung des persönlichen Lebensweges und zum Umgang mit Gott und der geistigen Welt im Alltag ausgeführt. Dieses Weltbild umfasst die uralte zeitlose Weisheit der Menschheit und ist mit den Grundlagen des Christentums und anderer Weltreligionen kompatibel, ohne konfessionell gebunden zu sein. Es vermittelt dem Menschen Sinnhaftigkeit, Geborgenheit und Lebensfreude.

Der folgende Text ist dem Seminarskript entnommen. Seine grafische Gestaltung entspricht
dem Originaltext nur angenähert.

3.3  Schöpfung und Evolution

Mutation und Selektion: Nach dem Ausflug in Raum und Zeit kehren wir zurĂĽck auf die Erde mit der Frage, wie die Schöpfung sich entwickelt hat mit all der Vielfalt, die die Natur uns zeigt. Die Bibel erzählt uns, wie Gott in sieben Tagen die sichtbare Welt erschuf. Ein frommes Märchen, sagen die Naturwissenschaftler, und weisen die Mechanismen fĂĽr die allmähliche Evolution (wörtlich „Herauswälzen“) der Natur nach: Die geneti- sche Mutation (= Veränderung) ändert die Erbanlagen, und die natĂĽrliche Selektion (= Auswahl) sorgt dafĂĽr, dass die bestgeeigneten Exemplare sich durchsetzen und die anderen verschwinden. Das ist durchaus rich- tig; dem widersprechen meist nur einzelne Gruppen mit extrem anderer Sichtweise (s. Kap. 1.1, Bild 1.1). Die Frage ist aber, wer oder was die Mutation auslöst. Der genetische Code, der in den schraubenförmigen MolekĂĽlketten der Gene gespeichert ist, verändert sich von selbst, bedingt durch zufällige Vorgänge, sagen die Molekularbiologen. Auch das mag stimmen, hat aber einen entscheidenden Haken.

Wahrscheinlichkeit:  Der genetische Code von Lebewesen ist ungeheuer kompliziert. Wir beginnen gerade, ihn zu entschlĂĽsseln und zu verstehen. Rein zufällige Veränderungen darin fĂĽhren in den allermeisten Fällen nur zu Fehlern und Missbildungen, aber nicht zur Verbesserung und Höherentwicklung. Wahrscheinlichkeits- berechnungen – darauf verstehen sich ja die Wissenschaftler – zeigen uns, dass die Evolution, d. h. die Ent- wicklung einer solchen Vielfalt von unglaublich gut angepassten und optimierten Lebewesen, niemals in der relativ kurzen Zeit möglich gewesen wäre, die dafĂĽr auf unserer Erde zur VerfĂĽgung gestanden hat.

  Beispiel RĂĽhrbottich:  Die Vorstellung einer Evolution durch reinen Zufall entspricht etwa der, dass wir
  einen groĂźen Bottich nehmen, genĂĽgend Schrauben, Muttern, Wellen, Lager, Zahnräder, Dichtungen, Ge-
  häuse u. a. hineinfĂĽllen und so lange umrĂĽhren, bis ein Getriebe fĂĽr einen Pkw entsteht – nur ist hierbei
  die Wahrscheinlichkeit noch wesentlich größer als bei der Evolution.


Nebenbei würde die Entwicklungssteuerung durch Selektion allein auf eine Optimierung der Funktionsfähig-
keit der einzelnen Arten hinauslaufen. Das ist typisch für „unsere“ heutige Sichtweise, Dinge und Wesen nur nach ihrem Nutzen zu betrachten. Warum gibt es dann so wunderschöne farbige Schmetterlinge? In gedeck-
tem Natogrün hätten sie eine viel bessere Schutzfarbe; ihre Partner werden ohnehin über Duftstoffe ange-
lockt, nicht über das Aussehen. Welchen „Zweck“ hat die Formenpracht von Blüten, wenn es nur darum
geht, Insekten zum Bestäuben heranzuholen?

EvolutionssprĂĽnge:  Bei genauerem Hinsehen hakt die obige Betrachtungsweise an vielen Stellen. Denken wir einmal an den gewaltigen Evolutionssprung, als die bisher im Wasser lebenden Tiere begannen, an Land zu gehen und dort herumzulaufen. Welche Voraussetzungen waren nötig, damit ihr Körper das ermöglichte? Die Kiemen mussten sich zu Lungen umbilden; die Sauerstoffaufnahme aus dem Wasser musste auf Luft umgestellt werden, und zwar vollständig, sonst wären die Tiere an Land sofort umgekommen. Hinzu kommen weitere grundlegende Umstellungen, wie die Umbildung von Gräten zu tragfähigen Knochen, von Flossen zu lauffähigen Beinen, u. a. m. Und da sollten sich die zahlreichen, dazu nötigen Gene zufällig alle gleichzeitig in der richtigen Weise geändert haben? FĂĽr mich gehört das in den Bereich der Märchen.

Die Theorie der RĂĽckwirkung nach Rupert Riedl [Rie 76] besagt nun, dass der Druck der Selektion auf die Mutation zurĂĽckwirkt und damit der Evolution eine Richtung gibt. Diese Richtung ist nicht vorgeplant, son-
dern jeweils den Umweltbedingungen angepasst. Das klingt plausibel, vermag aber nicht zu erklären, wie diese Rückwirkung vor sich geht.

Analogie zur Produktentwicklung:  Wenn wir etwas ĂĽber die Entwicklung der Schöpfung erfahren wollen, kann uns das Analogiegesetz (Leitsatz 2-1) weiterhelfen. Es fĂĽhrt uns z. B. zur Entstehung von technischen Produkten in der Industrie, etwa eines Pkw-Getriebes.

BuiltWithNOF
3.10 Entwicklungsabläufe0001

Bild 3.1: Analoge
Entwicklungsabläufe.
a) Industrielle Pro-
duktentwicklung;
b) Kabbala;
c) Schöpfung in der
Bibel

Planungsphase:  Die Entwicklung beginnt mit der Idee, ein neues Getriebe zu bauen. Auslöser ist z. B. die allgemeine technische Weiterentwicklung, denn es ist ja alles in Bewegung. Das vorhandene Getriebe ge-
nĂĽgt den AnsprĂĽchen nicht mehr. Die Anforderungen an das neue Getriebe werden formuliert sowie der Zeit- und Kostenrahmen abgesteckt, Bild 3.10 a.

Konstruktionsphase:  Hier wird die bisher abstrakte Aufgabenstellung umgesetzt in eine konkrete techni-
sche Gestalt. Grundlage dafĂĽr sind die Zeichnungen und Unterlagen fĂĽr das vorhandene Getriebe. Hier ge-
schieht die eigentliche Schöpfung des neuen Getriebes mit den Berechnungen und der Festlegung der Form in allen Einzelheiten, einschließlich der Werkstoffe, der Fertigungsverfahren und der Toleranzen (Genauig-
keit). Am Ende dieser Phase ist das Getriebe komplett vorhanden, jedoch in nichtmaterieller Form, d. h. als Zeichnungen und als rechnerinternes Modell. Auf dem Bildschirm lässt es sich betrachten und sogar bewe-
gen, nur anfassen können wir es noch nicht.

Fertigungsphase:  Erst hier wird die nichtmaterielle Form mit Materie gefĂĽllt und ergibt das fertige Getriebe. Vor dem Einbau in den Pkw wird in zahlreichen Versuchen getestet, ob es den Anforderungen entspricht; erst dann wird es fĂĽr den Markt freigegeben. Es leuchtet ein, dass der Ablauf so sein muss und nicht anders sein kann. Jede der drei Phasen legt an ihrem Ende das fest, was in der nächsten Phase geschehen soll.

Vergleich mit der Natur:  Vergleichen wir diesen Schöpfungsprozess mit dem in der Natur, so entspre-
chen die Konstruktionszeichnungen bzw. die entsprechenden rechnerinternen Datensätze dem genetischen Code, der alle Informationen enthält, und die Mutation der gezielten Änderung der Zeichnungen. Die Selek-
tion
entspricht den Tests und später den Marktmechanismen, die dafür sorgen, dass weniger gute Produkte verschwinden. Der Plan für die Schöpfung und die dafür notwendigen Formen (Zeichnungen) müssen aber vorher entstanden sein. Es ist unmöglich, dass ohne Anordnung und Genehmigung des verantwortlichen Managements ein Konstrukteur einfach eine Zeichnung verändert. Und es ist einfach aberwitzig sich vorzu-
stellen, dass irgend jemand, der keine Ahnung hat, beliebig ein paar Striche auf der Zeichnung ändert und damit ein verbessertes Getriebe schafft; es würde nur Unfug entstehen. Das aber entspricht genau der “zu-
fallsbedingten Mutation“. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass ein Zahnradgetriebe bei allen Finessen un-
vergleichlich viel primitiver ist als ein lebendes Wesen, das selbständig agiert und sich vermehrt.

Die Marktbedingungen lösen hier Strategien zur Weiterentwicklung der Produkte und damit die notwendigen Zeichnungsänderungen aus. Die Änderungen sind nicht von vornherein geplant, sondern jeweils den Bedin-
gungen angepasst. Auf diese Weise ist die „Rückwirkung“ der Selektion auf die Mutation vorstellbar. Sie setzt jedoch das Wirken intelligenter Wesenheiten voraus.

Vergleich mit der Kabbala:  Faszinierend ist ein Vergleich mit der Kabbala, der uralten hebräischen Ge-
heimlehre. Sie beschreibt den Aufbau des Alls in 3 Ebenen  oder „Welten“, Bild 3.10 b. Jede Ebene enthält einen vernetzten Ablaufplan mit 10 Stationen, den sog. „Sephirotbaum“ oder Lebensbaum. Bei der Schöp-
fung werden diese Ebenen von oben nach unten durchlaufen. Die jeweils letzte Station („Sephira“) jeder Ebe-
ne enthält das Ergebnis dieser Ebene und damit die Aufgabe für die nächsttiefere Ebene.

Die obere Ebene ist die Welt der Ideen (sie heißt „Briah“). Danach folgt die mittlere Ebene, die Welt der Formgebung („Yetzira“); die untere Ebene ist die Welt der Materie („Assiah“). Dieser Ablauf entspricht in ver-
blĂĽffender Weise dem industriellen Entwicklungsprozess. Ăśber diesen drei Ebenen kennt die Kabbala eine weitere, 4. Welt, die das Ganze durchdringt (!) und fĂĽr uns nicht fassbar ist, die Welt des Göttlichen (”Azi-
luth“). Wir können sie als Analogie zur Geschäftsleitung sehen, die für das Ganze verantwortlich ist, aber in den Prozess nicht unmittelbar eingreift. Sie konstruiert in der Regel auch nicht selbst, sondern liefert Ideen und Bauprinzipien für die Produkte sowie Strategien, um diese am Markt durchzusetzen.

Vergleich mit der Bibel:  Sie beginnt mit dem Satz: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das ist ein polares Paar (s. Leitsatz 3-1), die Trennung zwischen dem Geist und der Materie, und entspricht dem Be-
ginn der materiellen Schöpfung, wie ich ihn in Kap. 2.1 („Zusammenklumpen“) und Kap. 3.1 (Polarität) ge-
schildert habe. Auch der nächste Schöpfungsakt liefert eine solche Trennung, nämlich zwischen Licht und Dunkelheit (s. Kap. 2.3). Die Bibel enthält zwei unterschiedliche Schöpfungsberichte, und zwar nicht allein deshalb, weil sie – wie die Bibelforscher festgestellt haben – aus zwei verschiedenen Quellen stammen. Der Beginn des ersten Berichtes wurde hier soeben zitiert.

Erster Schöpfungsbericht:  Er beschreibt in 1. Mose 1 die Schaffung der Ideen, nämlich von Wasser und Land, von Pflanzen wie Gras, Kraut und Bäumen sowie von Tieren im Wasser, in der Luft und auf dem Land. Diese Reihenfolge stimmt mit der Evolution im Wesentlichen ĂĽberein. Hier entstehen zunächst einmal Be-
griffe
oder Urbilder. „Ein jegliches nach seiner Art“ heißt es in der Bibel, d. h. hier sind Oberbegriffe entstan-
den, die sich später in zahlreiche Untergruppen und Arten aufspalten können und sollen. So bedeutet der Begriff „Baum“ ein bestimmtes Gestaltungsprinzip, nämlich Wurzeln, Stamm und Äste. Damit entstehen Strategien, die sich später in den verschiedensten Bäumen verkörpern und Raum für immer neue Evolutionen haben. Plutarch nennt diese Urbilder Mütter; sie finden sich auch bei Goethe. Bei C. G. Jung heißen sie sie Archetypen.

Der erste Schöpfungsbericht schließt folgerichtig mit der Erschaffung des Menschen, und zwar „als Mann und Frau“. Das sind nicht zwei Menschen, sondern es ist die Idee von einem Menschen, in dem beides an-
gelegt ist, so wie diese Differenzierung in vielen Pflanzen und Tieren vorhanden ist.

Zweiter Schöpfungsbericht:  Er folgt unmittelbar auf den ersten (1. Mose 2, 4ff.). Gott bildet „den Men-
schen aus einem Erdenkloß“ (bzw. „aus dem Staub der Erde“) und „bläst ihm einen Lebenshauch in die Nase“. Aus dieser Jahrtausende alten Bildersprache entnehmen wir, dass hier das Konstruktionsprinzip ge-
schaffen wird. Die Körperform besteht aus Materie (Erde); dem wird ein zweites, gänzlich anderes Element hinzugefügt: Geist.

Danach versetzt Gott den Menschen in einen Schlaf, entnimmt ihm eine Rippe und formt daraus eine Frau. Das hebräische Wort „tselah“ bedeutet sowohl „Rippe“ als auch „Seite“. Das zeigt den wahren Sinn dieser Stelle. Eine Seite dessen, was im Menschen ist, wird nach außen gebracht. Damit ist eine weitere grund-
legende Polarisierung vollzogen, die Trennung in Mann und Frau, die bereits im Urbild angelegt war. (Anmerkung: Dass beide tatsächlich eins sind, ist heute vielfältig sichtbar, z. B. daran, dass beide Ge-
schlechter Brustwarzen haben, die beim Mann ziemlich nutzlos sind, bis hin zur Entwicklung von körper-
lichen Merkmalen des anderen Geschlechts z. B. durch Hormonbehandlung.)

Trotzdem sind die Menschen hier noch im Paradies bei Gott, d. h. noch nicht in der Realität. Die dritte Ebe-
ne, die Welt der Materie mit Raum und Zeit, wird erst mit dem sog. „Sündenfall“ (s. Kap. 6.2) erreicht.

Zusammenfassung:  Die Bibel bringt das gleiche Prinzip fĂĽr die Entstehung der Schöpfung mit drei Ebenen (bzw. vier, wenn wir die göttliche Ebene mitzählen), wie wir sie in der Kabbala und in der Entstehung von technischen Produkten finden.

  3-6  Schöpfung und Evolution:  Es besteht keine Diskrepanz zwischen der Schöpfungslehre und
  der Evolutionslehre. Beide ergänzen sich vielmehr und bilden erst gemeinsam ein sinnvolles
  Ganzes.

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